In Stadion 3 im Allianz Park sind heute die Wettbewerbe der Para-Dressur gestartet. In den Grades I, II und III ging es für die Athleten im Preis der StädteRegion Aachen nicht nur um die ersten Medaillen im Grand Prix A Einzelfinale, sondern zugleich auch um die erste Qualifikation für die Grand Prix Kür.
„Er hat ein Herz aus Gold“, sagte Rixt van der Horst über ihren elfjährigen, in Westfalen gezogenen Fuchshengst Eisma’s Royal Fonq N.O.P. Im Stadion 3 bewies ihr vierbeiniger Sportpartner heute einmal mehr, dass er nicht nur imposant daherkommt, sondern auch sportlich Großes zu leisten vermag. Gemeinsam mit seiner niederländischen Reiterin betrat er als zweites Starterpaar das Viereck. Als dreifache Europameister angereist, zählte das Paar zum Kreis der Favoriten in Grade III. Diesem Anspruch wurde es mit einer ausdrucksstarken und von zahlreichen Höhepunkten geprägten Prüfung eindrucksvoll gerecht. Mit 77,534 Prozent erzielten van der Horst und Eisma’s Royal Fonq N.O.P. eine persönliche Bestleistung und setzten damit die Messlatte für die Konkurrenz. „Das Stadion ist schon sehr imposant“, sagte die 34-Jährige, die mit spastischer Diplegie, einer Form der zerebralen Bewegungsstörung, lebt. Auch ihr Hengst, den sie vor drei Jahren im Stall von Dinja van Liere entdeckt hatte, habe angesichts der besonderen Atmosphäre einige Male aufmerksam die Ohren gespitzt. Umso zufriedener zeigte sich van der Horst mit dem gelungenen Auftakt: „Für die erste Prüfung bin ich mehr als happy damit, wie wir beide das gemeistert haben.“
Spannende Entscheidungen in Grade III und Grade I
Die Wartezeit bis zur endgültigen Entscheidung war lang: Noch 17 weitere Starterpaare folgten, bevor feststand, dass ihr Ergebnis zum Titel – dem insgesamt sechsten Weltmeisterschaftsgold ihrer Karriere – reichen würde. „Das war wirklich nervenaufreibend“, gestand die Niederländerin. Am nächsten kam ihr der dänische Championats-Routinier Tobias Thorning Joergensen. Der Doppel-Olympiasieger von Tokio präsentierte sich mit seinem zehnjährigen Oldenburger Blue Hors Zackorado als vertraute und eingespielte Einheit. Mit 75,100 Prozent sicherte sich das Paar die Silbermedaille. Bronze ging an Francesca Salvadé aus Italien. Mit dem neunjährigen Escolar-Sohn Escari erzielte die 37-Jährige 74,767 Prozent und gewann damit nach EM-Kür-Bronze 2025 ihre zweite internationale Einzelmedaille.
Gold zum Geburtstag in Grade I
Ein schöneres Geburtstagsgeschenk hätte sich die US-Amerikanerin Marie Vonderheyden kaum machen können: Im Sattel ihres routinierten Fan Tastico H, der bei den Paralympischen Spielen in Paris 2024 noch Roxanne Trunnell zu Medaillen getragen hatte, erzielte die 46-Jährige 76,709 Prozent. Für Vonderheyden, die einst erfolgreich für Frankreich in der Vielseitigkeit startete, ist dieser Erfolg von ganz besonderer Bedeutung: Nach einem schweren Reitunfall vor elf Jahren lag sie zwei Monate im Koma und hat bis heute mit erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu kämpfen. Bei ihrem WM-Debüt gewann sie nun auf Anhieb die Goldmedaille. „Mein Pferd ist so ein toller Kerl“, freute sich die Siegerin. „Mit meiner Prüfung bin ich sehr zufrieden – auch wenn es natürlich immer noch Dinge gibt, die wir verbessern können.“
Medaillenjubel in Grade II und Grade IV
Hinter ihr sicherte sich Mari Durward-Akhurst mit Athene Lindebjerg die Silbermedaille. Die 19-jährige Gribaldi-Tochter war bereits die Partnerin der Britin bei den Paralympischen Spielen 2024 in Paris, wo sie mit Bronze in der Kür ihren bislang größten internationalen Erfolg feierte. Heute wurde ihre Prüfung mit 74,542 Prozent und der Silbermedaille belohnt. Auf den Bronzerang ritt Sara Morganti. Die routinierte Italienerin präsentierte bei einem Championat erstmals die erst siebenjährige Bon-Coeur-Tochter Bond Girl. Mit 74,459 Prozent fügte sie ihrer beeindruckenden Erfolgsbilanz eine weitere Bronzemedaille hinzu.
Wimpernschlagentscheidung in Grade II
Als eine der großen Favoritinnen war die dreifache Europameisterin Heidemarie Dresing mit ihrer elfjährigen Fürstenball-Tochter Poesie angereist. Im Sattel ihrer Stute musste die 66-Jährige jedoch gleich zu Beginn der Aufgabe all ihre reiterliche Klasse und Erfahrung aufbieten: Poesie erschrak unmittelbar nach dem Start, und es bedurfte des ganzen Einfühlungsvermögens ihrer Reiterin, um sie wieder auf den richtigen Weg zu bringen. „Ich kenne mein Pferd sehr genau“, erklärte Dresing. „Daher ist es mir schnell gelungen, ihr Vertrauen zurückzugewinnen.“ Mit einer schwungvollen und ausdrucksstarken Darbietung, bei der insbesondere die harmonischen Übergänge zwischen Schritt und Trab hervorzuheben waren, gelang es dem Paar, den Fehler vom Beginn mehr als auszugleichen und das Ergebnis auf 75,483 Prozent zu schrauben. Ob sie unterwegs nervös gewesen sei? „Dafür war keine Zeit – ich hatte jede Menge Aufgaben zu erledigen“, sagte sie nach ihrer Prüfung mit einem Lächeln. „Mit der Goldmedaille hier in Aachen ist ein Traum wahr geworden.“
Spitzenleistungen im Stadion 3 und Gold für Großbritannien
Die Abstände zur Konkurrenz waren hauchdünn, die Freude über die Silbermedaille aber ebenso riesengroß. Immer wieder blickte die Dänin Katrine Kristensen auf die Anzeigetafel, um sich zu vergewissern, dass ihre 75,310 Prozent tatsächlich für einen Platz auf dem Podium gereicht hatten. Die Doppel-Weltmeisterin von Herning 2022 war überglücklich, auch in Aachen eine Medaille gewonnen zu haben. Bronze ging mit 75,241 Prozent an die Britin Jemima Green mit dem achtjährigen Foundation-Sohn Fantabulous – ein Paar, das bereits im vergangenen Jahr bei den Europameisterschaften zweimal Bronze gewonnen hatte.
Dann erschien sie auf der Anzeigetafel: die 10. So überzeugend, wie Kate Shoemaker und ihre zehnjährige Vitalis-Tochter Vianne die Prüfung zuvor absolviert hatten, so eindrucksvoll setzten sie mit der Traumnote für das abschließende Halten den Schlusspunkt. Die Zuschauer erlebten einen ausdrucksstarken Ritt voller Harmonie und Durchlässigkeit. Die Jury belohnte diese Leistung mit 78,889 Prozent – persönliche Bestleistung für die 39-jährige Tierärztin aus Idaho, die sich damit erstmals in ihrer erfolgreichen Karriere als Weltmeisterin feiern lassen durfte. „Wir waren heute wirklich eine Einheit. Alles hat sich leicht und selbstverständlich angefühlt“, sagte Shoemaker und fand nur lobende Worte für ihre Sportpartnerin, mit der sie 2024 im Stall von Cathrine Laudrup-Dufour zusammenfand. Bereits kurz darauf hatte die Schimmelstute Kate Shoemaker in Paris mit Bronze in der Kür die erste Einzelmedaille bei Paralympischen Spielen beschert. „Damals war sie erst acht Jahre alt, und unsere gemeinsame Entwicklung stand noch ganz am Anfang“, berichtete Shoemaker, die mit Muskelschwäche, Spasmen und Einschränkungen der motorischen Kontrolle auf der rechten Körperseite lebt. „Seitdem sind wir immer enger zusammengewachsen. Heute konnte ich zeigen, wie außergewöhnlich sie ist.“
Außergewöhnlich gut war auch die Leistung der Silbermedaillengewinnerin Anna-Lena Niehues. Die 41-jährige Deutsche, die seit einer Tumoroperation an der Halswirbelsäule im Jahr 2017 mit Einschränkungen auf ihrer rechten Körperseite zu kämpfen hat, zauberte mit der Westfälin Vive l’Amour eine neue persönliche Bestleistung von 74,639 Prozent in den Aachener Sand. „Meine Stute ist sehr sensibel. Daher bin ich sehr stolz, wie sehr sie sich in dieser Atmosphäre auf mich konzentriert hat“, freute sich die Reiterin, die gemeinsam mit ihrem Mann einen Reiterhof betreibt, über ihre erste Medaille bei einer Weltmeisterschaft. Nicht weniger groß war die Freude von Nicola Naylor über Bronze. Vollständig erblindet, orientierte sich die 65-Jährige im Aachener Viereck lediglich anhand akustischer Orientierungspunkte, Rhythmus, Raumgefühl und der Bewegungen ihres Pferdes. Ein Zusammenspiel, das brillant gelang und mit 73,861 Prozent und der Bronzemedaille belohnt wurde. „Ich hätte niemals zu träumen gewagt, dass das einmal für mich möglich sein würde“, so die Britin.
Gold für Großbritannien in Grade V
Ihre Landsfrau Sophie Wells versteht es wie kaum eine andere, neue Pferde auf Anhieb in der internationalen Weltspitze der Para-Dressur zu etablieren. In Aachen gelang ihr das mit der zehnjährigen Fuchsstute MSJ Gold Standard, mit der sie erst seit Jahresbeginn ein Paar bildet – und was für eines. „Sie wird von Mal zu Mal besser“, freute sich die vielfache Paralympics-Siegerin, Welt- und Europameisterin nach ihrem Ritt, den die Richter mit 74,949 Prozent belohnten. Als zweite Starterin setzte die 36-Jährige damit eine Marke, die keine der nachfolgenden Kombinationen mehr übertreffen konnte. „Die Zeit des Wartens war nervenaufreibend“, gestand die routinierte Britin, die mit dem Amniotischen-Band-Syndrom geboren wurde. Umso strahlender war am Ende ihr „goldenes“ Lächeln.
Über die Silbermedaille strahlte die erst 25-jährige Britney de Jong. Die Niederländerin, die infolge eines Unfalls Schäden am Arm erlitt, hatte bereits bei den Europameisterschaften 2025 in Ermelo dreimal Silber gewonnen. Bei ihrem WM-Debüt gelang ihr nun im Sattel des KWPN-Wallachs Caramba N.O.P. erneut der Sprung auf das Podest. „Heute war es sehr emotional für mich“, sagte die junge Reiterin – nicht zuletzt, weil es für ihren 19-jährigen Sportpartner hier in Aachen der letzte Championats-Auftritt sein wird. „Vor dem Gruß habe ich ihn noch einmal geklopft und gesagt: Einmal machen wir das noch.“ Und das taten sie mit Bravour: 73,154 Prozent – Silber. Mit der Bronzemedaille um den Hals strahlte Regine Mispelkamp. „Hier in Aachen vor meinem Heimpublikum an den Start zu gehen – damit erfüllt sich ein Traum“, sagte die dreifache Europameisterin. Mit ihrem langjährigen Partner Highlander Delight’s kam die Deutsche, die mit Multipler Sklerose lebt, auf 72,974 Prozent.


