Ein Hauch von Aufbruch liegt in der Luft des DFB-Campuses in Frankfurt. Nach enttäuschenden Jahren und dem abrupten WM-Aus tritt Jürgen Klopp an, um der deutschen Nationalmannschaft wieder ein echtes Gesicht zu verleihen – mit gewohnt viel Energie, klarer Kante und einem hochkarätigen Stab.
Es ist Punkt 12 Uhr mittags am DFB-Campus in Frankfurt am Main. Die Sonne brennt auf den modernen Glaskomplex, doch drinnen im Pressekonferenz-Saal herrscht eine ganz eigene, elektrisierende Temperaturlage. Journalisten drängen sich in den Rängen, Kameras surren. Als Jürgen Klopp den Raum betritt, flankiert von DFB-Präsident Bernd Neuendorf und dem 1. Vizepräsidenten Hans-Joachim Watzke, geht ein Raunen durch den Saal. Der 59-Jährige wirkt gelöst, fast schon voller Tatendrang. Nach den zähen Enttäuschungen der vergangenen Jahre und dem bittersüßen WM-Aus gegen Paraguay vor wenigen Wochen – das den Rücktritt von Julian Nagelsmann besiegelte – steht hier der Mann, auf den ganz Fußball-Deutschland wie auf einen Erlöser blickt.
Klopp unterzeichnete am heutigen 24. Juli 2026 einen Vierjahresvertrag, der ihn bis zur FIFA Weltmeisterschaft 2030 führen wird. Doch wer erwartet, dass der Ex-Liverpool-Coach sich als Heilsbringer inszeniert, wird schnell eines Besseren belehrt. Mit schiefem Lächeln und fester Stimme stellt er klar: Es geht nicht darum, den deutschen Fußball zu retten – es geht darum, ihm endlich wieder eine Seele und Identität einzuhauchen.
Von Mainz bis Liverpool: Der Geist der absoluten Leidenschaft
Wer die Karriere von Jürgen Klopp verfolgt hat, weiß um die emotionale Wucht, die der gebürtige Schwarzwälder entfalten kann. Schon in seinen Stationen beim 1. FSV Mainz 05 und bei Borussia Dortmund verstand er es meisterhaft, Mannschaften eine Beseeltheit einzuimpfen, die weit über rein Taktisches hinausging. Seine Teams brannten auf dem Platz – und rissen Ränge wie Fans kompromisslos mit. Genau jener Kampfgeist, gepaart mit kompromissloser Laufbereitschaft und Gegenpressing, fehlte dem DFB-Ensemble auf den großen Bühnen der Welt in der jüngeren Vergangenheit völlig.
Durch seine jahrelange Arbeit auf höchstem Niveau in der englischen Premier League bringt Klopp zudem eine Perspektive mit, die der DFB-Auswahl gutzutun verspricht: Er kennt den internationalen Spitzenfußball in- und auswendig, weiß, wie gegnerische Top-Nationen auf Deutschland blicken, und bringt den kühlen Blick für die kleinen Nuancen an der Weltspitze mit. Seine Zeit bei Red Bull, so betont Klopp auf dem Podium, habe ihm nochmals neue Horizonte eröffnet, für die er sehr dankbar sei. Die Einigung mit der Red Bull Führung um Oliver Mintzlaff verlief harmonisch: Neben einer Million Spende an die Stiftung Wings for Life sicherten die Frankfurter den Leipzigern drei A-Länderspiele bis 2030 zu.
Auf der Pressekonferenz gibt sich Klopp gewohnt nahbar, aber knallhart in den Grundsatzfragen. Er fordert Demut und Geduld ein. Die Nationalmannschaft sei derzeit nicht die unangefochtene Nummer eins der Welt, und man besitze nicht die Dichte an Ausnahmekönnern wie etwa Frankreich. Doch darum gehe es im Kern gar nicht. Viel entscheidender sei es, dass die Fans daheim wieder mit Stolz vor den Bildschirmen oder im Stadion sitzen. Seine Botschaft steht fest: Wenn ein Team auf dem Platz alles gibt, füreinander kämpft und Leidenschaft vorlebt, akzeptieren die Menschen in Deutschland selbst eine Niederlage. Sie wollen ein Team mit Herz sehen – kein unterkühltes Taktik-Konstrukt.
Ein maßgeschneidertes Trainerteam und eine Doppelspitze für die Zukunft
Dass Klopp nichts dem Zufall überlässt, beweist der Blick auf sein künftiges Trainerteam. Der DFB hat ihm eine hochkarätige Entourage zur Seite gestellt. An der Linie unterstützen ihn mit Pepijn Lijnders und Peter Krawietz zwei langjährige Vertraute aus Liverpool-Zeiten. Für frische Impulse und den direkten Draht zu den Spielern sorgt Sven Bender, der als Co-Trainer zurückkehrt. Eine Schlüsselrolle nimmt zudem Klopps enger Vertrauter Marc Kosicke ein, der als Co-Trainer für Strategie, Entwicklung und Innovation agieren wird. Kosicke soll als organisatorische Schnittstelle zum Verband fungieren, um dem sportlichen Trainerstab den Kopf für die reine Platz- und Kaderarbeit freizuhalten.
Doch damit nicht genug des strukturellen Umbruchs in Frankfurt: Der DFB stellt zeitgleich die Weichen im Management neu. Ab dem 1. Januar 2027 übernimmt Weltmeister Per Mertesacker das Amt des DFB-Geschäftsführers Sport und tritt damit die Nachfolge von Andreas Rettig an. Mertesacker, der in den vergangenen acht Jahren die renommierte Nachwuchsakademie des FC Arsenal leitete, bringt geballte Erfahrung im Aufbau von Toptalenten mit. Gemeinsam mit Klopp soll er die Lücke zwischen der Talentförderung an der Basis und den Profis der A-Nationalmannschaft schließen.
Viererkette, klare Worte und der Blick auf die Premieren im Herbst
Taktisch zeichnet Klopp ein verblüffend klares Bild für seine künftige Elf. Experimenten mit Dreierketten teilt er eine Absage erteilt: Ein modernes Top-Team spiele mit einer Viererkette. Im Zentrum wird der Raum von Gegnern heutzutage eng gemacht, weshalb die Flügelspieler für ihn die eigentlichen Spielmacher der Moderne sind. Eine klassische Manndeckung schließt er aus, setzt stattdessen auf hohes Anlaufen und flexible Raumbesetzung.
Klopps Blick umfasst aktuell eine erweiterte Beobachtungsliste von sage und schreibe 57 Spielern. Die Tür stehe für jeden offen, der bereit ist, den Adler auf der Brust nicht nur spazieren zu tragen, sondern auf dem Rasen zu leben. Die ersten Bewährungsproben lassen nicht lange auf sich warten: Bereits Ende September und Anfang Oktober wartet eine intensive Länderspielserie auf die neue DFB-Auswahl. Auftakt ist am 24. September in Amsterdam gegen die Niederlande, ehe drei Tage später im Augsburger Stadion gegen Griechenland das Heimdebüt ansteht.
Wenn Jürgen Klopp am 15. August offiziell seine Arbeit antritt, beginnt keine Zaubershow, sondern harte, akribische Aufbauarbeit. Doch die Grundstimmung in Frankfurt zeigt schon jetzt: Der Funke ist übergesprungen. Deutschland hat wieder Lust auf seine Nationalmannschaft.

